Ex-East Festival

Eine temporäre Osteuropäische Versuchsanordnung mit dem Thema: “Wie lebt man weiter, wenn es die Welt, an die man geglaubt hat, nicht mehr gibt”

Es gibt unzählige Theaterfestivals in Europa. Fast alle folgen derselben Idee: Künstlerinnen und Künstler reisen mit ihren Produktionen an, zeigen ihre Arbeiten und fahren wenige Tage später weiter in die nächste Stadt.


Das Ex-East Festival interessiert sich für etwas anderes.

Europa braucht heute weniger Orte, an denen Kunst gezeigt wird, sondern Orte, an denen Kunst gemeinsam mit den Menschen entsteht, die dort leben. Orte, an denen nicht die Aufführung den Anfang bildet, sondern die Begegnung.

Aus diesem Grunde beginnt das Ex-East Festival nicht mit einem Programm, sondern mit einer Stadt.


Mit Magdeburg. Genauer gesagt mit der Neustadt.

Mit ihren Straßen, ihren Innenhöfen, ihren Plätzen, ihren Geschäften, ihren Schulen, ihren Vereinen und den Menschen, die diesen Stadtteil jeden Tag neu erfinden, ohne darüber nachzudenken.


Für einige Wochen wird dieser Teil der Stadt zum eigentlichen Festivalgelände. Nicht weil der öffentliche Raum spektakulärer wäre als ein Theaterraum, sondern weil hier die Fragen entstehen, die uns interessieren. Wie leben Menschen zusammen, die ganz unterschiedliche Erinnerungen an Europa haben? Was bedeutet Nachbarschaft in einer Stadt, in der sich Biografien aus Ostdeutschland, der Ukraine, Syrien, Rumänien, Polen oder Vietnam begegnen? Wie verändert sich ein Ort, wenn Menschen beginnen, einander zuzuhören, bevor sie übereinander sprechen?


Die eingeladenen Künstlerinnen und Künstler reisen deshalb nicht mit fertigen Produktionen nach Magdeburg. Sie kommen mit ihren Erfahrungen. Viele von ihnen arbeiten seit Jahren in Stadtteilen, Dörfern und Nachbarschaften Osteuropas. Sie entwickeln Theater mit Menschen, die bisher nie auf einer Bühne standen. Sie arbeiten mit Erinnerungen, mit dokumentarischem Material, mit Musik, Film, Architektur oder Alltagsgeschichten. Manche ihrer Arbeiten hinterlassen am Ende eine Aufführung, andere eine Installation, einen Film, einen gemeinsamen Spaziergang oder vielleicht nur eine veränderte Beziehung zwischen Menschen, die sich vorher fremd waren.

Gerade diese Erfahrungen interessieren uns. Nicht weil sie sich auf Magdeburg übertragen ließen. Jede Stadt hat ihre eigene Geschichte. Aber vielleicht lassen sich Fragen teilen. Vielleicht lohnt es sich zu beobachten, wie Künstlerinnen und Künstler in Chișinău, Lwiw, Belgrad, Warschau oder Sofia mit Nachbarschaften arbeiten, wie sie Vertrauen aufbauen, Konflikte sichtbar machen oder Räume schaffen, in denen Menschen miteinander ins Gespräch kommen, die sich im Alltag selten begegnen würden.


Das Ex-East Festival versteht diese Projekte deshalb nicht als Gastspiele. Sie sind Ausgangspunkte für neue Arbeiten, die erst in Magdeburg entstehen. Die eingeladenen Künstlerinnen und Künstler werden gemeinsam mit Initiativen, Schulen, Vereinen und Communities der Stadt recherchieren, zuhören und arbeiten. Was daraus entsteht, lässt sich heute noch nicht beschreiben. Gerade darin liegt der Sinn des Festivals. Es geht nicht darum, eine Idee möglichst präzise umzusetzen. Es geht darum, Bedingungen zu schaffen, unter denen etwas entstehen kann, das vorher niemand kannte.


Der Moritzhof wird dabei nicht zum Zentrum des Festivals, sondern zu seinem Ausgangspunkt. Von hier aus breitet sich Ex-East in den Stadtraum aus. Manche Arbeiten werden sichtbar sein, andere fast unsichtbar. Manche dauern einen Abend, andere mehrere Wochen. Einige werden Menschen versammeln, andere vielleicht nur zwei Personen miteinander ins Gespräch bringen. Das Festival misst seinen Erfolg nicht an Besucherzahlen oder Premieren. Entscheidend ist, ob neue Beziehungen entstehen. Ob Menschen beginnen, ihren eigenen Stadtteil mit anderen Augen zu sehen. Ob Kunst für einen Moment nicht mehr etwas ist, das man besucht, sondern etwas, an dem man beteiligt ist.

Ex-East ist aus der Überzeugung entstanden, dass die Zukunft Europas nicht allein in politischen Programmen verhandelt wird. Sie entscheidet sich ebenso in Nachbarschaften, auf Schulhöfen, in Parks, auf Marktplätzen und an den Orten des täglichen Lebens. Dort, wo Menschen lernen müssen, mit unterschiedlichen Geschichten, Erinnerungen und Erfahrungen gemeinsam einen Ort zu teilen.

Das Ex-East Festival möchte genau dort arbeiten.


Das künstlerische Programm für das erste Festival 2028 entsteht in den kommenden Monaten gemeinsam mit internationalen Partnern, Künstlerinnen und Künstlern sowie den Menschen in Magdeburg bzw. Magdeburg Neustadt. Welche Arbeiten schließlich Teil des Festivals werden, entscheidet sich nicht allein am Schreibtisch, sondern in einem gemeinsamen Prozess. Denn Ex-East versteht ein Festival nicht als fertige Veranstaltung. Es versteht es als eine Form des gemeinsamen Nachdenkens darüber, wie wir in Zukunft miteinander leben wollen.


Kuratoren des Festivals: Anastasia Tarkhanova und Georg Genoux


Wenn Sie Ideen, Gedanken teilen oder den Kuratoren des Projektes Vorschläge machen wollen, schreiben Sie uns gerne an: info@safespaceagency.org